Sonntag, 28. April
Der Anrufbeantworter im Stadtbüro des Maître de Kergac gab bekannt, daß der Maître am Sonntagvormittag im Notfall im Fort Bloqué zu erreichen sei, am Nachmittag in seiner Kanzlei bei Guidel Plage. Vom Reisebüro in le Pouldou hatte Berteau erfahren, daß um neun Uhr dreißig eine Führung im Fort mit einer Gruppe amerikanischer Touristen stattfinden sollte, der er sich anschließen konnte. Er beschloß, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und bereits um Neun am Fort zu sein, in der Hoffnung, den Maître vor der Führung noch sprechen zu können.
Das bedeutete für ihn allerdings, in dieser Woche schon zu zweiten Mal zu absolut unchristlicher Zeit aufstehen zu müssen. Wenigstens bekam er diesmal im Hotel Frühstück, so daß er nicht gar so übel gelaunt war , als er gegen Viertel vor Neun den Volvo unter dem bereits bekannten Schild parkte. Es war Ebbe und ein Blick auf den Gezeitenplan zeigte ihm, daß es wohl gefahrlos möglich war, zu Fuß zum Fort zu gelangen.
Punkt Neun Uhr betätigte er den gewaltigen Türklopfer am Tor des Hauptgebäudes. Nach einigen Minuten öffnete ein ältliches Faktotum, es mochte Gärtner oder Chaffeur oder Butler oder sonst was sein, und fragte näselnd nach seinem Begehr.
Er drückte dem Alten seine Visitenkarte in die Hand und verlangte, den Maître de Kergac zu sprechen. Er wurde in eine Halle von beachtlichen Ausmaßen geführt und gebeten, sich etwas zu gedulden, der junge Herr sei gerade dabei, sich umzuziehen.
Berteau benutzte die Wartezeit, um sich in der Halle umzusehen. Auf den ersten Blick erweckte sie den Eindruck, den ein solcher Rittersaal gemeinhin erweckte. Eine Riesentafel umgeben von massiven Stühlen bildete das Zentrum. Die Tafel war mit mittelalterlichem Geschirr aufgedeckt, es war schwer zu entscheiden, ob das der Normalzustand oder ob es ein Arragement eigens für die erwarteten Touristen war.
An den Wänden waren etliche Rüstungen aus verschiedenen Epochen aufgebaut, altertümliche Waffen steckten in Halterungen. Die linke Stirnseite wurde von einem Treppenhaus abgeschlossen, an dessen Wand die für solche Häuser unvermeidliche Ahnengalerie angebracht war, eine lange Reihe von Bildern düsterer Herren in heldenhaften Posen. Dazwischen die jeweils zugehörigen Damen, deren Gewänder einen Einblick in den modischen Geschmack der jeweiligen Epoche boten.
Die gegenüberliegende Stirnseite war bedeckt von einem riesigen Gobelin, der ein fürchterliches Schlachtengetümmel darstellte. Die Wände der beiden Längsseiten der Halle waren überladen von Gemälden.
Bei genauerer Betrachtung fiel dem Kommissar auf, daß auf jeder Seite vier Bilder hingen, die irgendwie nicht zu den übrigen passen wollten. Dabei handelte es sich um Gemälde in allen möglichen Stilrichtungen, angefangen von barock überladenen Schinken bis zu expressionistischen Bildern im Stile eines Marc oder Klee.
Der Sinn des Kriminalisten war geweckt, aber bei genauerem Hinsehen mußte der Kommissar einsehen, daß hier kein Fälscher am Werk gewesen war. Alle acht Bilder trugen dieselbe uneserliche und ihm unbekannte Signatur und waren neueren Datums. Man konnte es einem Maler ja nicht verwehren, sich in verschiedenen Stilrichtungen zu versuchen, schließlich war das kopieren alter Meister ja sogar Unterrichtsfach an den Kunsthochschulen.
Der Maître erschien auf dem oberen Treppenabsatz. Er hatte sich für die anstehende Führung in die Uniform eines königlichen Musketiers zur Zeit Louuis XII geworfen und sah im höchsten Grade lächerlich aus.
" Dieser Berger, dieses Scheusal," lamentierte er, " nun schickt er mir wegen meiner harmlosen Verkehrsübertretungen schon die leibhaftige Kripo ins Haus. Monsieur le Commissaire, ich sage nichts ohne meinen Anwalt."
Er fuchtelte mit seinem Degen durch die Luft und kam dann die Treppe herunter. " Oder brauchen Sie selbst etwa einen Rechtsverdreher? In der heutigen Zeit ist ja alles denkbar! Hach, was würde ich mich zerreißen, wenn es darum ginge einen Pariser Polizisten aus den Klauen der Justitz zu befreien.!"
Berteau war sprachlos, ob der gekünstelten Theatralik, die der andere zeigte. So hielt er diesem wortlos das von Moreau in Rennes ergänzte Fax unter die Nase.
Kergac gab sich echauffiert. "Mon dieu, was ist das? Ein Haftbefehl oder noch schlimmer, ein Durchsuchungsbefehl? Eh, bien, ich sehe, Moreau, der alte Spion hat wieder zugeschlagen. Den Kopf gestoßen schreibt er, den Kopf gestoßen. Dabei wäre ich damals fast zu Tode gekommmen.", er griff sich mit theatralischer Geste an den Kopf und zerknautschte die breite Hutkrempe.
In diesem Augenblick öffnete das Faktotum das große Tor, und eine Herde von lauten und schrill gekleideten Leuten strömte in die Halle und verteilte sich schnatternd um die große Tafel. Die Ersten begannen bereits die Dekoration zu befingern.
Der Maître wurde für einen kurzen Moment ernst. "Es tut mir leid, Monsieur, aber wir können jetzt nicht sprechen, Sie sehen ja", er deutete auf das beginnende Chaos, " Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie bitten, heute nachmittag in meine Kanzlei in Guidel Plage zu kommen. Das hätte auch den Vorteil, daß ich meine Akten zur Hand habe"
Er wandte sich, ohne Berteaus Einverstänsnis abzuwarten, den Touristen zu.
"Ladies and Gentelemen," unterbrach er nach einer Weile in fließendem Englisch alle Gespräche und zog gewaltsam die Aufmerksamkeit auf sich. "Ich begrüße Sie aufs Herzlichste in dem ehrwürdigen Stammsitz derer von und zu Kergac. Leider kann Sie der Comte heute nicht selbst führen, er ist unabkömmlich bei einer Sitzung der katholischen Inquisition. Ehe ich Ihnen das Schloß zeige, möchte ich Sie freundlich darum bitten, nicht irgendwelche Gegenstände anzufassen. Sie wissen ja, wie das ist: Unser Landadel ist durch die Steuergesetze einer sozialistischen Regierung verarmt, das Personal ist knapp und teuer und man kann den Grafen und seine Familie nicht unbedingt zum Polieren von irgendwelchen Gegenständen abkommandieren. Die Besucher, die nach Ihnen kommen, möchten auch noch eine Freude an diesen schönen Dingen haben."
Sofort rückte die Gruppe enger zusammen, selbst die ewig Neugierigen, die immer am Rande standen, wollten nicht in den Geruch kommen,die Grafen zur Fronarbeit zu verpflichten. Der Reiseleiter sah ihn bewundernd an.
"Sie befinden sich hier in einem Schloß, dessen Grundfesten bis in das sechste Jahrhundert nach Christus zurückreichen und das sich seit dieser Zeit im Privatbesitz der Familie de Kergac befindet. Ihnen ist sicherlich auf der Herfahrt der Leuchtturm und weiter draußen im Meer eine Gruppe Felsen aufgefallen. Diese riesigen Steine wurden von Druiden als Opferstätte genützt. Radiodäsisten schätzen den ersten Opferkult auf das Jahr 1200 vor Christus.
Ab dem 2. Jahrhundert nach Christus schützte ein Blockhaus den Einstieg zu einem unterirdischen Gang dorthin, der übrigens eine Verbindung darstellte zwischen dem Festland, der Insel, auf der jetzt das Schloß steht und jener Felsengruppe, auf der der eigentliche Kult ausgeübt wurde. Später wurde das Blockhaus durch ein Schloß ersetzt, und wieder später, nach einigen Einfällen von plündernden Wikingern und Normannen, wurde das Schloß endgültig auf der etwas sicheren Insel vor dem Festland errichtet.
Die befestigte Insel war immerhin wichtig genug, daß sie Ambrosius und Uther Pendragon beherbergte, die hier um Fünfhundert Schutz suchten und ein Heer gegen ihre Feinde in England aufstellten. Damals war die keltische Verbundenheit noch größer, als heute, obwohl sich die keltischstämmigen Bewohner Europas an ihre gemeinsamen Wurzeln zu erinnern beginnen.
Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, aber, wie die Indianer in Ihrer Heimat aus Apachen , Cherokees, Kiowas und letzlich auch den Inkas weiter im Süden bestehen, so besteht die heutige Völkergruppe der keltischstämmigen Völker aus Bretonen, Walisern, Iren und Schotten. In diesen finsteren Zeiten hielten diese Volksgruppen gegen Bedrohungen von außen eng zusammen. Auch Merlin, der berühmte Magier, verlebte einen großen Teil seiner Jugend hier und brachte später den neugeborenen Artus her, um ihn vor den Feinden seines Vaters zu schützen. Nein, nicht hierher ins Fort Bloqué, das stand zu dieser Zeit noch nicht. Ich meine mit ‘hierher’, die Bretagne.
Bei einem Einfall der Wikinger, die damals die Weltmeere mit ihren Langschiffen durchkreuzten, wurde die Burg bis auf ihre Grundmauern zerstört. Um 1199 wurde dann auf Wunsch von Richard Löwenherz -seine Familie stammte bekanntlich aus Frankreich - hier ein Schloß gebaut, das jedoch 1556 völlig abbrannte. Erst um 1580 begann der Wiederaufbau in der heutigen Form. Das Fort diente bis zum Ende der Napoleonischen Zeit mehr als die Küste sichernde Militäranlage, denn als Familienschloß. Daher auch der sicher etwas martialische Gesamteindruck der Anlage.
Wir gelangen über diese, mit reichen Schnitzereien versehene Holztreppe aus dem 17. Jahrhundert in die herrschaftlichen Gemächer. Beachten Sie die Ahnengalerie derer von Kergac an der Wand der Treppe, die leider unvollständig ist, weil der zweite Compte dem Vernehmen nach so abgrundhäßlich war, daß alle damaligen Maler, selbst bei Andohung der Todesstrafe, sich weigerten, ihn zu portraitieren"
Er sah die Zuhörer gespannt an. Der historisch beschlagene Kommissar hatte Mühe, ernst zu bleiben. Die meisten Gäste waren jedoch schlicht ehrfürchtig sprachlos, ein paar zweifelnd, vor allem zwei junge Damen, die sich im Hintergrund hielten, sich sichtlich amüsierten und darum bemühten, die anderen nicht durch ihr Kichern zu irritieren.
Ein paar ungläubige Seelen gab es immer bei den Führungen des jüngeren Kergac, obwohl er sich sehr darum bemühte, immer mal wieder was Neues einzubringen. Er war eigentlich seit über fünfzehn Jahren noch im Experimentierstadium, und er hatte sich von Reiseleitern sagen lassen, daß sie schon mehrmals Touristen zum Schloß gebracht hatten, die lediglich kamen, um zu hören, wie weit die Geschichte des ehrwürdigen Baues gediehen war, und die sich dann immer sehr enttäuscht zeigten, wenn der Graf selbst oder ein Angestellter die Führung machten. Nüchterne Fakten traten in deren Augen deutlich hinter die Fabulierkunst des Anwaltes zurück. Er mußte sich nur zusammennehmen, daß es niemand unmittelbar auffiel.
Er schritt hoheitsvoll in den ersten Stock und versammelte die Fremden in einem weiten Empfangszimmer um sich.
"Dieser Raum hier ist im Stil des 17. Jahrhunderts eingerichtet. Die Familienchronik besagt, daß hier der Graf Yann-Francois 1648 seine Frau im Zorn erschlagen hat, indem er sie gegen diese Wand hier schleuderte, gegen die sie mit dem Kopf so heftig knallte, daß sie schwachsinnig wurde und nach gut einem Jahr verschied.
Verstehen kann man den Hausherrn zwar, der sie nach einem Aufenthalt bei Hof in den Armen seines Sohnes aus erster Ehe vorgefunden hatte. Seine Frau segnete das Zeitliche jedoch nicht, ohne zuvor noch einen Sohn in die Welt zu setzen, der für den Grafen nun sozusagen Stiefsohn und Enkel zugleich war. Nachdem auf diese praktische Weise ja für den Erhalt der Linie gesorgt war, ließ der alte Despot seinen eigenen Sprößling aus bloßer Rachsucht blenden, entmannen und in einem Kerker einsperren, wo er langsam verschmachtete und nach fünfzehn Jahren ohne die Segnungen und den Trost der Kirche verstarb.
Nach seinem Tod erschien der Blutfleck, den die Verstorbene an der gekalkten Wand hinterlassen hatte, als sie sich ihre Matschbirne einhandelte, immer von neuem, man mochte ihn übertünchen oder abwaschen. Das ging solange, bis der Graf diese wundervolle Vertäfelung hier anbringen ließ.
Allein, es nützte nicht viel, denn einige Jahre später wurde er an eben dieser Stelle von dem Enkel, Sohn aus der unseligen Beziehung zwischen seiner zweiten Gattin und dem Sohn aus erster Ehe, mit einem Degenstoß niedergestreckt. Seither ziert sein Blut, Sie sehen den dunklen Fleck hier, die Wand. Die nachfolgenden Generationen hatten gelernt und gar nicht mehr versucht, ihn beseitigen zu wollen.
Wir kommen nun in das Schlafzimmer der Grafen. Die Einrichtung stammt aus dem Jahr 1812. Besondere Beachtung verdient das Himmelbett, das mit blauem Brokat überzogen ist. Es wurde von Napoleon Bonaparte in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai desselben Jahres benützt, in dem er die Gegend bereiste, um sich von dem Zustand ihrer Befestigungen zu überzeugen.
Das Gästezimmer, das wir jetzt betreten, bewohnte um die Jahrhundertwende einige Monate Arsène Lupin, der Schrecken der französischen Polizei. Er war im Schloß zu Gast, weil er vorhatte, einige Kunstschätze, die seither verschwunden sind, zu rauben, verliebte sich dann jedoch in die Schwester des Grafen, was die Sache verständlicherweise unnötig komplizierte. Die Federzeichnung an der Wand über dem Sekretär stammte von seiner Angebeteten und zeigt ihn vermutlich im Alter von achtundzwanzig Jahren."
Eine der beiden kichernden Damen hob die Hand und fragte mit verzweifelt ernstem Gesicht, ob sich diese Affäre vor oder nach der unerfreulichen Geschichte mit den dreißig Särgen abgespielt habe. Der Schloßführer schien für einen winzigen Moment aus dem Konzept zu geraten.
Ei, verflixt, die beiden Gänschen mochten wohl schon eine Führung mit ihm mitgemacht haben. Er hatte keinen Schimmer, worauf die Beiden anspielten. Er gab sich den Anschein, angestrengt nachzudenken und erklärte dann: "Während", ohne allerdings die übrigen Besucher über die Sache mit den dreißig Särgen aufzuklären.
"Wie konnte ein Mensch bloß so was blödes fragen," dachte er innerlich ergrimmt. "Arsène Lupin war eine Romanfigur und sonst nichts. Entweder man wußte das und hielt den Schnabel oder man hatte gefälligst andächtig seinen Ausführungen zu lauschen!"
Im nächsten Raum, einem Audienzzimmer, deutete er auf einen wundervollen, riesigen Kronleuchter. "Dieser Leuchter besteht aus achttausend Teilen geschliffenen Bleikristalls. Der Sage nach soll er demjenigen aufs Haupt fallen, der gegen das gräfliche Haus Böses im Schilde führt oder auch nur versucht, eines seiner Mitglieder zu veralbern".
Die beiden Kichererbsen hatten während seiner Worte genau mitten unter dem Lüster gestanden und rückten jetzt unauffällig zur Seite.
Kergac sah es mit Genugtuung und fuhr ungerührt fort: " Tatsache ist jedoch, daß er im Laufe der Zeit schon drei Gäste und vier Familienmitglieder unter sich begraben hat. Das liegt allerdings einerseits an seinem Gewicht von mehr als eineinhalb Tonnen und andererseits an der immer wieder zu schwachen Befestigungsvorrichtung, also Vorsicht."
Er musterte die beiden albernen Gänse nachdrücklich, ehe er sich wieder umwandte.
"Mit aufgesteckten Kerzen wiegt er übrigens zwei Tonnen, und sie sehen, er ist derzeit wieder voll bestückt. Georges, unser Faktotum, kann es einfach nicht lassen.
Die Tapisserien hier an der Wand wurden von Gräfin Marie-Louise in zehnjähriger Arbeit vermutlich um 1480 angefertigt. Sie stellen höfische Szenen dar und waren ursprünglich in blauen Farbtönen gehalten. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Farbe, so daß sie heute grün erscheinen.
Das nächste Zimmer wurde von Kardinal Aramis für längere Zeit bewohnt, während eines Exils vom französischen Hof. Angeblich war er sich mit seinem König wegen einer Frau in die Haare geraten, für die sich beide interessiert hatten. Na ja, wie das so ist, hatte der Chef den längeren Arm.
Wir kommen jetzt über eine Wendeltreppe in die Frauengemächer. Ich bitte um Vorsicht. Die Stufen sind sehr steil und ausgetreten."
Er vermittelte seinen Besuchern nebenbei wahre Gruselschauer, als er von Familienangehörigen und illustren Gästen erzählte, sowie von Geistern, die im Schloß umgehen sollten. Es mußte jede Nacht ein wahres Chaos an verdammten Seelen herrschen, weiße Frauen umgehen, ferner schwarze Hunde, Männer mit und ohne Kopf, Erhängte, Erdolchte, Erschlagene, Gerippe. Die verblichenen Ahnen machten seiner Schilderung nach einen Heidenlärm, angefangen von Kettenrasseln, häßlichem Lachen, herzerschütterndem Weinen, Stöhnen, Wimmern. Dann klimperte noch ein besonders musikalischer Geist auf dem Spinett herum, Fall- und andere Türen gingen quietschend auf und schlugen krachend zu.
Keiner wunderte sich darüber, daß die gräfliche Familie in einem Nebentrakt lebte. Selbst wenn man damit aufgewachsen war und sich nicht fürchtete, mußte es doch sehr lästig sein, jede Nacht im Schlaf gestört zu werden.
Im Vergleich zu diesem Schloß konnte das Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud nur ein harmolses Wiegenlied darstellen.
Zum Schluß kamen sie in ein helles und gemütliches Frauengemach, von dessen Fenstern aus man den gesamten Besitz überblicken konnte.
"Meine Damen und Herren, Sie kennen bestimmt die Geschichte von der Großmutter, die sich nach Jahren an ihren Geliebten erinnert und ihn als Gerippe in einem Schrank vorfindet. Nun, ähnlich ging es der Dame, für die dieses Zimmer eingerichtet worden war. Sie war ihrem Mann treu ergeben, bis zu dem Zeitpunkt, als dieser in einen der zahlreichen Kriege ziehen mußte und sich sein Bruder, der bislang in Verbannung in Spanien gelebt hatte, im Haus als ein Grande einschlich.
Sie widerstand ihm heldenhaft oder doch wenigstens ein klein Wenig, wurde dann doch irgendwann schwach. Natürlich war die Beziehung ins Gerede gekommen, und ihr Gemahl kehrte so zähnefletschend, wie überraschend zurück.
Der falsche Grande versteckte sich in diesem Wandschrank. Er hatte allerdings nicht bedacht, daß sich dessen massive Türen nur von außen öffnen ließen, und so saß der Gute ziemlich fest. Der Bluthund des wütenden Burgherren roch jedoch den Braten.
Nachdem die Gräfin die Liaison nicht zugeben wollte, glaubte sie ihren Geliebten doch unentdeckt, nahm der Gehörnte auf seine Art Rache. Er verzieh zwar seiner Frau, machte jedoch zur Bedingung, daß sie diesen Raum nie mehr betrat.
Sicherheitshalber ließ er die Tür zumauern. Nach seinem Tod ließ die Witwe die Mauer wieder niederreißen. Da ihr Mann mit einem langen Leben gesegnet worden war, fand sie ihren Liebhaber in diesem bedauernswerten Zustand vor."
Er öffnete eine Schranktür. Im Schrank kauerte mit zerfetzten Kleidern ein Skelett.
Der Führer schloß unbeeindruckt von dem Gekreische seiner weiblichen Gäste die Tür wieder.
"Das meine Damen und Herren, ist das Ende der Führung. Wir gehen durch die Ahnengalerie zurück in die Eingangshalle. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen erholsamen Aufenthalt in der Bretagne und eine gute Heimfahrt."
Das Faktotum erschien und flüsterte dem Führer etwas ins Ohr. Der erhob daraufhin noch einmal die Stimme. "Ladies and Gentlemen, ich höre gerade, daß infolge einer ungünstigen Wetterlage mit auflandigem Wind die Flut früher eingesetzt hat, als es ihr vom Gezeitenplan her zugestanden wird. Es wäre zu gefährlich, sie jetzt zu Fuß zum Festland zurückgehen zu lassen. ich bitte Sie deshalb, etwa eine halbe Stunde abzuwarten, bis wir genug Wasser haben , damit sie Georges hier mit dem Boot übersetzen kann. Ich biete ihnen an, ohne Aufpreis in der Zwischenzeit die Kasematten der Befestigungsanlagen zu besichtigen. Ich bitte Sie jedoch, sich dabei an die markierten Wege zu halten, nicht daß es Ihnen wie dem Ehepaar Ham und Cheesy Burger aus Illinois/Texas ergeht. Die beiden haben sich entgegen aller Warnungen in den unteren Teil der Kasematten getraut und sind bis heute nicht gefunden worden. Vielen Dank für Ihr Verständnis."
Sozusagen als Schlußgag verschwand der Führer plötzlich hinter einer Tapetentür, während Georges die schwere Tür nach draußen aufstemmte und die Gesellschaft hinauskomplimentierte. Die Reisegruppe verließ die Halle zusammengerückt wie eine verschreckte Schafherde. Immerhin war die Aussicht, jetzt ohne Führer eine halbe Stunde auf dieser unheimlichen Insel gefangen zu sein, ein ungeplantes und ungeheures Abenteuer.
Kommissar Berteau fand, wenn er jetzt schon noch eine halbe Stunde totschlagen mußte, konnte er sein Gespräch mit dem Maître auch gleich hier fortsetzen. Er sprach Georges darauf an, aber der schüttelte den Kopf:
"Bedaure, Monsieur, aber eine Besonderheit dieses Hauses ist, das jemand,der nicht zu erreichen sein will, auch nicht erreicht werden kann. Nein , auch nicht für Eingeweihte. Ich weiß nicht, wohin sich der Maître zurückgezogen hat."
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Das Übersetzen der Schloßbesucher zog sich hin, weil Georges mit dem kleinen Boot vier mal fahren mußte. Widerwillig ließ Berteau den amerikanischen Touristen den Vortritt, weil ihn der Reiseleiter darum bat. Die Gruppe war durch den ungeplanten Aufenthalt ziemlich in Verzug mit ihrem Programm gekommen.
Er setzte also im letzten Schub zusammen mit den beiden Frauen über, die den Maître in seinem Vortrag so aus der Fassung gebracht hatten. Er entnahm ihrem Gespräch, daß sie auch Einzelreisende waren, die sich der Gruppe nur für die Besichtigung angeschlossen hatten. Und sie waren tatsächlich zum wiederholten Male im Fort gewesen mit dem Ziel, sich an des Führers Fabulierkunst zu ergötzen.
Auch wenn Berteau die Veranstaltung als ganz amüsant empfunden hatte, so war er jetzt ziemlich sauer. Er fühlte sich stehengelassen, wie ein Schuljunge. Schließlich war er nicht nur zu seinem Vergnügen hier.
Er sah auf die Uhr. Es war fast Mittag. Jenseits der Uferstraße, schräg gegenüber, war ein Lokal, das auf einer weithin sichtbaren Tafel "Nouvelle Cuisine" anpries. Er beschloß, seinen Ärger durch ein ausgiebiges Mahl zu besänftigen.
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Guidel-Plage ist ein winziges Nest am Rande der Bucht von Fort Bloqué. Das heißt, eigentlich ist es eher eine Art Feriendorf, denn die Masse seiner zwei Dutzend Häuser ist von ihren Besitzern für die Unterbringung von Touristen hergerichtet worden. Das gilt bis auf einige wenige Katen, die zu weit vom Strand entfernt liegen, um für Urlauber noch attraktiv zu sein. Das Zentrum, wenn man von einem solchen sprechen kann, bildet eine Hotelanlage an der Basis der weit ins Meer hinausragenden Landzunge, an deren Spitze ein ausgedienter Leuchtturm aufragt.
Le Sauvage war mit seinem Hund unterwegs zu seinem Lieblingsplatz zwischen den Felsen am Strand. Er überquerte die Straße bei der Hotelanlage und den dazugehörigen Parkplatz, als auf diesen ein schwerer Wagen, ein schwedischer Volvo einbog. Das Fahrzeug umrundete ihn halb, blieb dann stehen und der Fahrer öffnete die Seitenscheibe.
"Excusez-moi, Monsieur," rief er dem Wilden zu, "darf ich Sie um eine Auskunft bitten?"
Dieser trat an das Fahrzeug heran und beugte sich zu dem Fahrer hinunter. Als er dessen Gesicht erkennen konnte, zuckte er zusammen. "Merde", schoß es ihm durch den Kopf, "Kommissar Berteau, und viel früher als erwartet." Nachdem der Andere auf sein Zucken nicht reagierte, fragte er laut: "Ja , bitte?"
Wenn Berteau seinen Schreck bemerkt hatte, so ließ er sich nichts anmerken. "Ich suche die Kanzlei des Maître de Kergac, die hier in Guidel Plage sein soll. Ich habe den Ort jetzt mehrmals durchfahren, kann sie aber nicht finden."
Der Mann mit den wirren Haaren atmete tief durch, dann schmunzelte er. "Oui, Monsieur, Sie sind hier schon richtig. Aber um zum Ziel zu kommen, hat der Herr zuvor den Schweiß gesetzt. Der Maître ist wohl etwas scheu und hat sich" , er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Landzunge hinaus, " dort draußen im Leuchtturm niedergelassen."
Berteau schaute grimmig in die angegebene Richtung. Es mochte gut ein halber Kilometer bis zum Turm sein. "Und wie kommt man dort hin?" knurrte er.
Der Wilde hob die Schultern an: " Nur zu Fuß, fürchte ich, nur zu Fuß. Es führt nur ein schmaler Trampelpfad durch die Dünen. Alle Klienten, die den Maître draußen aufsuchen, lassen den Wagen hier stehen."
"Sacré bleu,"Dem Kommissar entfuhr ein Fluch. " Na hoffentlich ist dero Gnaden dann wenigstens anwesend", quetschte er hervor, während er die Handbremse anzog. Der andere blickte prüfend zum Leuchtturm hinüber.
"Ich denke schon", sagte er, "am Turm ist die gräfliche Flagge gehißt. Auf diese Weise tut er kund, daß die Residenz besetzt ist. Au revoir, Monsieur, und einen schönen Tag noch." Er pfiff seinem Hund und setzte seinen Weg zum Strand fort. Dabei vermied er es, sich noch einmal nach dem Kommissar umzudrehen. Er fürchtete, sich dadurch verdächtig zu machen.
Es hätte ihm auch nicht gefallen, hätte er mitbekommen, wie der Polizist reagierte. Der seinerseits hatte sich an seinen Wagen gelehnt und sah dem Anderen unverblümt nach. Ihm war das schreckhafte Zusammenzucken wohl aufgefallen, als sie Blickkontakt aufgenommen hatten. Jetzt kramte er in seinen Erinnerungen. Nein es konnte keinen Zweifel geben! Die Art, wie der Mann sich bewegte, kannte er. Und er glaubte, den Hund zu kennen. Der mußte nun auch schon recht betagt sein.
"Sieh da, Kasurintin, was hast Du nur mit deinem Gesicht gemacht?" schmunzelte er, " aber um einen alten Mann zu täuschen, mußt Du Dir mehr einfallen lassen. Ich weiß, daß es Dich noch gibt, und ich weiß jetzt, hinter welcher Maske Du Dich verbirgst. Na dann, bis bald." Er gab sich einen Ruck und setzte sich in Richtung Leuchtturm in Bewegung.
*****
Der Weg durch die Dünen zum Turm war recht beschwerlich. Der lockere Sand des Trampelpfades gab immer wieder unter Berteaus Füßen nach, und so war er schon ziemlich außer Atem, als er am Fuße des Leuchtturms ankam.
Es war eine jener schlanken Stahlröhren, die man eigentlich eher an der Nordseeküste antraf. Sie mochte bis zur Spitze vielleicht zwanzig Meter hoch sein , bis zum Turmkorb waren es gewiß sechzehn oder siebzehn. Der Basisdurchmesser mochte vier Meter betragen, die Konstruktion verengte sich in elegantem Schwung bis zur Korbunterkante auf etwa die Hälfte.
Die Tür unten erwies sich als richtiges wasserdichtes Stahlschott mit Handrad anstatt Klinke und ließ erahnen, daß der Turmfuß bei einer Springflut wohl unter Wasser stehen mußte. Neben der Tür war eine Art Firmenschild angebracht, das darauf hinwies, daß hier der Rechtsanwalt und Notar Yves-Jean-Marie de Kergac seine Geschäftsräume hatte.
Berteau überlegte, wie er sich bemerkbar machen sollte. Die Sprechanlage, die er unter dem Firmenschild entdeckte, ignorierte er großzügig. Er war geladen, und der aufgeblasene Adlige sollte das merken. Er umrundete die Basis des Turmes und fand nach einigem Suchen eine alte, stählerne Zimmermannsklammer, die ihm für seine Zwecke bestens geeignet erschien.
Ingrimmig hieb er mit der Klammer ein halbes dutzend Mal gegen die Stahlwand des Turmes, wie mit einem Klöppel auf eine Glocke. Er erreichte den beabsichtigten Zweck. Der Turm dröhnte wie die amerikanische Freiheitsglocke, der Stahl vibrierte noch einige Zeit nach. Im Innern der Röhre mußte ein Lärm herrschen, wie von den Triebwerken eines startenden Jets.
Der Erfolg stellte sich augenblicklich ein. Kaum , daß der letzte Glockenschlag verklungen war, quäkte die Sprechanlage. " Hey, sie verrückter Hund, ehe Sie ein Bauwerk abreißen, sollten sie Sich davon überzeugen, ob sich noch jemand darin befindet", plärrte die verzerrte Stimme des Anwalts, "legen Sie ihr Spielzeug weg und kommen Sie nach oben. Ich hoffe, daß sich meine tauben Ohren bis dahin so weit erholt haben, daß ich sie Ihnen leihen kann."
Der Kommissar entriegelte die Tür und betrat das Turminnere. Wie er vermutet hatte, war die Röhre nicht einmal in Stockwerke unterteilt. Um eine schlanke Mittelsäule wand sich eine enge Wendeltreppe nach oben. Glücklicherweise wurde bei seinem Eintritt eine Beleuchtung eingeschaltet, denn die wenigen Bullaugen, die in die Turmwand eingelassen waren, ließen nur spärliches Licht herein.
Er machte sich an den Aufstieg. Bei seiner Leibesfülle durfte auf der Treppe kein Gegenverkehr herrschen, das hätte ihn in arge Verlegenheit gebracht. Immer, wenn er auf der selben Höhe mit einer Lampe war, sah er, daß diese in erster Linie kleine Schilder beleuchteten, die mit sinnigen Sprüchen beschriftet waren.
Es ging ganz unten los mit " 105 Stufen bis zur Lösung Deines Problems", eine Runde höher stand zu lesen " Ohne Fleiß kein Preis". Etwa auf halber Höhe stand zu lesen: "Überlege, ob der Zorn auf Deinen hühnerklauenden Nachbarn für einen Prozeß ausreicht" und nach einer weiteren Umkreisung der Mittelsäule: "Ab jetzt ist der Weg nach oben kürzer als nach unten"
Der Kommissar war nahe am Infarkt, als er das letzte Hindernis auf dem Weg zum Bureau des Maître erreicht hatte. Die Treppe wurde nach oben hin durch eine Falltür abgeschlossen, an der der Schriftzug "Bitte drücken" angebracht war.
Als er die Tür aufgestemmt hatte, fand er sich in einem halbrunden Raum wieder, der als Arbeitszimmer ausgestattet war. Ein kleiner Schreibtisch, drei Stühle und an die Rundung der Außenwand angebrachte Regale ergaben die Einrichtung. An der Mitte der geraden Wand führte eine Leiter zu einer Luke in der Decke, es mußte dort wohl zur Plattform gehen. Unter der Leiter war der Durchgang in die zweite Hälfte des Turmkorbes.
Berteau sah sich um. Es schien sich niemand im Turmkorb zu befinden. Als er den unmittelbaren Bereich der Falltür verließ, schloß diese sich selbsttätig und gab den Blick auf eine kleine, aber wohlausgestattete Hausbar frei. Ein Schild darüber verkündete: "Bedienen Sie sich, der Maître kommt gleich!"
Ehe er der Aufforderung Folge leistete, warf er einen Blick in den Nebenraum. Eine kleine Kombüse, ein Kanapee, ein Schrank, ein Kühlschrank. Offenbar die Notausstattung, sollte der Leuchtturminhaber hier oben mal von Schlechtwetter überrascht werden.
Also mußte der Anwalt oben auf der Plattform sein. Berteau war wild entschlossen, ihm nicht dahin zu folgen. Er goß sich drei Finger breit Calvados in ein Glas und suchte einen Sitzplatz. Auf und um den Schreibtisch herum herrschte unglaubliches Chaos. Akten, lose Papiere, Schreibzeug, allerlei Büroutensilien , aufgeschlagen Bücher türmten sich auf der Tischplatte und auch auf den Stühlen.
Noch ging der Atem des Besuchers pfeifend. Er packte das Stilleben von einem der Besucherstühle und stapelte es zu dem Krempel auf der Schreibtischplatte. Dann rückte er die Sitzgelegenheit so zurecht, daß er von ihr aus die Dachluke im Auge behalten konnte, setzte sich und begann, den Calvados zu genießen.
Als seine Puls und Atem wieder Normalwerte erreichten, erschien in der Luke der Kopf des Turmherrn. Er trug Gehörschutzkappen über den Ohren, wie sie bei Bauarbeitern an lauten Maschinen üblich sind. Mit einer Hand lüftete er die Kappe über dem rechten Ohr und fragte: "Na , geht’s wieder?"
Berteau winkte ihm, er möge endlich herunterkommen. Der Kopf verschwand, Sekunden später baumelten die Füße Kergacs in der Öffnung, dann schwang dieser sich wie ein Seemann die Leiter herunter. Er trug jetzt Jeans und einen Schlabberpulli und seine Füße steckten sockenlos in Sandalen. Berteau fand, daß er sich nicht viel von dem Wilden unterschied, dem er vor einer halben Stunde begegnet war.
" Sie haben gut daran getan, sich vor mir in Sicherheit zu bringen", der Kommissar deutete auf den Aufgang zur Plattform, "Ich hätte jetzt noch nicht übel Lust, Sie die Treppe hinabzuwerfen"
" Mon dieu", der Maître machte ein besorgtes Gesicht, " dabei habe ich voll Vertrauen auf Ihre menschliche Güte und Ihr zivilisiertes Wesen sogar die Luke offengelassen. Wenn meine Bauern hier heraufkommen, kann ich das nicht riskieren, denn die machen sich nicht die Mühe mit der Treppe, die werfen mich einfach da oben über Bord."
Der Beamte trank sein Glas leer und setzte es mit einem Ruck ab. " Sie machen es einem aber auch schwer, Sie sympathisch, geschweige denn, überhaupt zu finden. Wenn ich nicht mittlerweile echte Zweifel an Ihrem Geisteszustand hätte, würde ich Sie ja fragen, ob Sie das hier", er machte eine umfassende Bewegung, " nicht schädlich für Ihr Geschäft halten."
Der Andere ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder. " Reine Absicht, Monsieur le Commisaire. Ich bin nicht einer der Ärmsten und habe es nicht nötig, mich mit geklauten Hühnern, nächtens versetzten Grenzsteinen oder ebensolchen Ehefrauen über Wasser zu halten. Das können andere Rechtsverdreher in der Stadt genausogut und die haben es nötiger. Wer hier zu mir heraufsteigt, braucht in der Regel wirklich einen guten Anwalt oder einen Notar. Sie vielleicht ausgenommen, denn Sie haben sich ja wegen einer bloßen Auskunft bemüht. Was mich übrigens wundert, denn Sie hätten mich ja auch einbestellen können."
Berteau nahm den Ball auf. "Als kulturbeflissener Mensch muß man eben dorthin gehen, wo Kultur stattfindet. Und Ihren sehr informativen Vortrag von heute Vormittag wollte ich auf gar keinen Fall versäumen. So verbinde ich manchmal das Angenehme mit dem Nützlichen. Und jetzt, Monsieur l’Advocat, beginnt das Verhör. Sagen Sie mir augenblicklich, was es mit den dreißig Särgen auf sich hat."
Yves de Kergac zog die Stirn kraus: " Bei meinen Gedächtnislücken sollte ich wirklich langsam in die Politik gehen. Ich zermartere mir schon die ganze Zeit das Gehirn über die Bedeutung des Einwandes dieser beiden Schnepfen. Entweder habe ich bei einer früheren Gelegenheit einmal eine Zote mit dreißig Särgen gebracht, und die beiden waren damals dabei und wollten mich jetzt aufs Glatteis führen. Aber ich bin mir keiner Schuld bewußt. Oder, ich halte das mittlerweile für wahrscheinlicher, das mit den Särgen stammt aus einem der zahlreichen Arsène-Lupin-Romane, den ich nicht kenne. Ich werde mal meine Frau fragen, wenn ich es nicht vergesse und zu Wort komme. Man sollte eben die Literatur studieren, ehe man sie zitiert."
"Gut, lassen wir das.",der Kommissar kramte in der Innentasche seines Jacketts, "wer mich an Sie verwiesen hat, wissen Sie ja. Man hat mir zu meinem Ärger mit den entwendeten Bildern jetzt auch noch eine Serie von Kircheneinbrüchen in der Umgebung von Brest aufs Auge gedrückt. Irgend jemand nimmt dem katholischen Fußvolk seine Heiligen weg, was dieses verständlicherweise ergrimmt.
Um einen Ansatz zu finden, hab ich die Kollegen in Rennes um Informationen über eventuelle frühere Serien der gleichen Art gebeten. Das hat so ein Hornochse zum Anlaß genommen, um dort das Programm der Archivdatenbank zu schmeißen, und - Segen der modernen Elektronik - keiner kommt zur Zeit an die Infos ran.
Das Einzige, was ich habe, ist jetzt das hier", er reichte seinem Gesprächspartner das Phantombild aus Plougastel, "und den vagen Hinweis Ihres Freundes Moreau, Sie seien in irgendeiner Weise vor vier Jahren in eine solche oder ähnliche Geschichte involviert gewesen. Sofern Ihre persönliche Datenbank nicht auch blockiert ist, bitte ich um Output.!"
Der Anwalt betrachtete das Phantombild interessiert. Dann nickte er anerkennend. "Wer auch immer die Angaben zu dieser Zeichnung gemacht hat, er muß ein sehr guter Beobachter sein. Ich würde sagen, das ist Charles Didier, wie er vermutlich jetzt leibt und lebt.
Die Didiers waren jahrhundertelang im Erstberuf Fischer und im Zweitberuf Strandpiraten in Locmariaquer. Dabei hielten sie den Zweitberuf für durchaus ehrbar, will sagen, er war der bei weitem Einträglichere. Als die Schiffahrt hier an der bretonischen Südküste so nach und nach sicherer wurde und die Strandpiraterie nicht mehr ausreichend ihren Mann ernährte, verlegte sich ein Teil des Clans auf Staßenräuberei entlang der alten Handelswege. Das rief aber die damals feudale Ordnungsmacht auf den Plan, und die dezimierte die Familie erheblich. Allen Didiers, denen man habhaft werden konnte, leider auch jenen, die sich nicht an den Räubereien beteiligten, wurde der Prozeß kurz und die Hälse lang gemacht.
Der Rest der Familie lebte zwei Generationen lang zwar ehrbar, aber arm wie die Kirchenmäuse. Zwar gilt es bis in die heutige Zeit als leicht anrüchig, mit ihnen zu verkehren, aber immerhin kamen sie lange nicht mit dem Gesetz in Konflikt. Doch je mehr sich die Familie zahlenmäßig erholte, desto mehr wurde bei ihr der Unterschied zwischen Dein und Mein verdrängt.
Vor vier Jahren sprang also eine zunächst unbekannte Gruppe auf den Zug mit dem Antiquitä tenhandel auf. Das heißt, sie besorgten, wie man später feststellte, die Logistik für einige Hehler an der Nordküste, indem sie hier in der Gegend serienweise Kirchen ausräumten. Die Bevölkerung geriet damals in große Unruhe und in manchen Orten wurden regelrechte Bürgerwehren aufgestellt, um den Frevlern das Handwerk zu legen.
Und jetzt komme ich ins Spiel. Moment, wo habe ich denn...", sein Blick glitt suchend über seinen Schreibtisch. Dann sah er den Kommissar anklagend an: "Was haben Sie nur mit meinen Unterlagen angerichtet. Meine ganze wohldurchdachte Ablage ist ruiniert. Ah, da...", er zog aus einem Stapel von Papieren ein kleines braunes Notizbuch hervor und blätterte darin.
"Am 12. August 1991 gegen null Uhr fünfzehn kam ich mit meiner damaligen Verlobten auf der Rückfahrt von einem Ausflug mit dem Motorrad durch die kleine Ortschaft Quistinic an der Landstraße Nummer 3. Meine Verlobte mußte mal, und so hielt ich in der Nähe der Kirche am Rand des Ortes an, damit sie sich in die Büsche schlagen konnte. Während ich auf sie wartete, beobachtete ich einen kleinen Lkw, der mit abgedunkelten Scheinwerfern an dern Kirche vorfuhr. Ich sah , daß zwei dunkel gekleidete, und, wie sich später herausstellte, maskierte Männer ausstiegen und sich an der Kirchentür zu schaffen machten.
Ich schloß messerscharf, daß es sich dabei um die gesuchten Kirchenräuber handeln mußte. Im Vertrauen darauf, daß meine frühere Kampfsportausbildung für die beiden ausreichend sein würde, beging ich den Fehler, mich unmittelbar einzumischen. Meine Judokenntnisse reichten zwar für die Zwei, und es gelang mir sogar einem der beiden die Maske zu entreißen. Ich erkannte Charles Didier, den ich wegen einiger Diebereien früher vor Gericht vertreten hatte und den ich hier im Gerichtssaal identifiziere. Mein Irrtum war jedoch, daß nicht zwei, sondern vier Einbrecher vor Ort waren. Das erkannte ich jedoch erst, als ich von hinten einen Schlag auf die Rübe bekam, was meine Kampfkraft infolge Bewußtlosigkeit entscheidend schwächte."
Er schloß das Tagebuch: "Soweit das Zitat meiner eigenen Aussage im Prozeß gegen die Gebrüder Didier ein halbes Jahr später. Was ich erst später erfahren habe ist, daß den Didiers klar war, daß ich einen von ihnen erkannte. Deshalb wollten sie mich beseitigen und warfen mich ohnmächtig in einen Seitenarm des Evel. Wenn meine Verlobte nicht alles gesehen und mich wieder herausgezogen hätte, wäre ich jämmerlich ersoffen"
Er schauderte bei der Vorstellung: " Die Didiers wurden zwei Tage später aufgrund meiner Aussage gestellt. Albert und Charles hier wurden verhaftet. Es gab eine Schießerei, weil der dritte, Elliot, sich partout nicht verhaften lassen wollte, was dazu führte, daß er zu Tode kam. Wer der Vierte im Bund war, wurde nie ermittelt. Ich kann nur vermuten, aber ich denke, es war der Vater, Albert der Ältere. Der hat sich in den folgenden zwei Jahren wohl aus Gram über das aufgeflogene Geschäft zu Tode gesoffen. Die beiden Verhafteten kamen mit je dreieinhalb Jahren wegen Einbruchsdiebstahl und schwerer Körperverletzung relativ gut weg, obwohl ich sie nicht verteidigen durfte, weil ich ja Zeuge der Anklage war. Den Mordversuch an mir haben ihre Anwälte ihrem toten Bruder Elliot in die Schuhe geschoben, und der hatte ja sein Fett weg."
Er lehnte sich zurück, faltete die Hände und drehte Däumchen. "der Vollständigkeit halber wäre nachzutragen: Charles und Albert sind seit zwei Monaten wieder auf freiem Fuß. Ihr Aufenthaltsort ist meines Wissens unbekannt. Charles hat mich kurz nach seiner Entlassung angerufen und übel beschimpft, wollte sich aber nicht mit mir treffen. Die Mutter der beiden lebt meines Wissens in einem Altersheim in Ploemeur und könnte die Einzige sein, die eine Ahnung hat, wo ihre Ableger abgeblieben sind. Ah, ja, und ich behaupte, der auf ihrem Bild ist Charles Didier. Warum der Depp schon wieder seine Visage zeigt, mag der Himmel wissen. Ende des Vortrags."
Yves de Kergac sah den Kommissar an, wie er bei der Schloßführung die Touristen angesehen hatte. Der reagierte entsprechend: " Ich will einmal annehmen, daß Ihr Vortrag eben einen größeren Informationswert besitzt, als der im Fort von heute Vormittag. Auf jeden Fall ergibt sich daraus ein Ansatzpunkt. Von einer Spur will ich nicht reden. Was ist eigentlich aus der damaligen Beute geworden?"
Der Maître zog aus seiner Schreibtischschublade eine Packung Zigaretten und fischte sich umständlich ein Stäbchen aus der Packung. Er hielt Berteau die Packung hin. "Auch Eine?"
Der nahm dankend an: "Sie sind der Erste in diesem ganzen vertrackten Fall, bei dem ich eine schnorren kann . Ich versuche ja, es mir abzugewöhnen, aber wie sagt man in unserem Metier? Gelegenheit macht Diebe!"
Kergac sog tief den Rauch ein. "Ach ja, die Beute! Zum Ärger der Bauern ist sie nur teilweise wieder aufgetaucht. Das mag daran liegen, daß die Brüder Didier aus alter Ganovenehre nur diejenigen Hehler preisgegeben haben, die man ihnen auch nachweisen konnte. Sie haben das Zeug wohl ausnahmslos im Norden der Halbinsel verkloppt, bei Leuten in Guingampp, St. Brieuc und Dinan. Eine Marie mit Kind ist in Loudeac aufgetaucht, wenn ich mich recht erinnere."
Berteau lehnte sich zurück: "Eigentlich war’s das schon, was ich heute von Ihnen wissen wollte. Andererseits ist es derart mühsam, Sie hier draußen zu besuchen, daß mich der Gedanke schaudern macht, das womöglich noch einmal auf mich nehmen zu müssen. Wenn ich Ihnen nicht zu viel von Ihrer wertvollen Zeit stehle, möchte ich Sie bitten, meine persönliche Neugier in noch zwei oder drei Punkten zu befriedigen!"
Der Aristokrat bemühte sich, ein beleidigtes Gesicht zu ziehen. Er erhob sich, marschierte zur Hausbar und kehrte mit einem zweiten Glas und der Flasche Calvados zurück. Er goß dem Kommissar ungefragt nach, ehe er sein eigenes Glas füllte: "Monsieur, jeder, der hier auf meinen Turm steigt, stiehlt mir meine Zeit. Insofern bin ich Kummer gewohnt. Daß allerdings die polizeigewaltliche Obrigkeit mit mir ein Plauderstündchen sucht, erstaunt mich doch sehr?"
Der Polizist sah sich veranlaßt, seinerseits eine Duftmarkierung zu setzen: "Kommen Sie, Maître, abgesehen von diesem Autohändler und seiner Frau, der Galeristin, scheinen Sie der einzige gebürtige Bretone zu sein, der in der Lage ist, mehr als zwei zusammenhängende Sätze zwischen den Zähnen hervorzuquetschen. Ich nehme an, das ist die Gemeinsamkeit an Ihren Berufen. Schließlich schwatzen Sie alle drei den Leuten Dinge auf, die diese im Grunde nicht glauben oder nicht brauchen. Neugierige Leute, wie ich, müssen das ausnutzen. Erzählen Sie mir doch etwas über unseren gemeinsamen Bekannten Moreau, soweit Sie damit nicht Ihre anwaltlichen Pflichten verletzen."
Das Gesicht des Anwalt wechselte von beleidigt zu säuerlich: " Ah, der gute Moreau! Ich gehe davon aus, daß er Ihnen schon selbst erzählt hat, auf welche Weise unsere Beziehung aufrecht erhalten wird, seit er nach Rennes versetzt wurde. Sie wollen sicher etwas über den wunden Punkt in seiner verletzten Seele hören, den er gelegentlich zu erkennen gibt, aber gleich mit dem Hinweis, daß er nicht darüber sprechen möchte.
Nun, ich werde Ihnen das sagen, was sie genausogut aus den Archiven der Ouest France oder in einer etwas bürokratisch dürren Fassung aus irgend einem Polizeiarchiv herausfinden könnten.
Es mag etwa zweieinhalb oder drei Jahre her sein, da war Moreau noch als Inspektor im Dezernat Gewaltkriminalität hier bei der Kripo in Lorient. Er hatte es, weil Nichtbretone, nicht ganz einfach, aber mit der Beharrlichkeit, die den Gascognern eigen ist, verzeichnete er eine Reihe schöner Erfolge. Er wurde wiederholt mit der Leitung von Ermittlungen in recht kniffligen Fällen betraut und stand kurz vor der Beförderung zum Kommissar
Dann war Wahlkampf für die Parlamentswahlen in Paris, und gleich zwei sozialistische Minister auf einmal, nämlich der des Inneren und der für Landwirtschaft und Fischereiwesen, kamen auf die unselige Idee, die Bretagne wahlkämpfend bereisen zu wollen.
Nun, kurz zuvor gab es erheblichen Stunk mit einigen EG-Agrarverordnungen, und zumindest der Landwirtschaftsminister war hierzulande nicht besonders gern gesehen. Die Druidenloge kündigte Aktionen an, und man befürchtete ein Attentat. Alles, was bei der Kripo Beine hatte wurde zum Personenschutz abkommandiert, unter anderem auch Moreau.
Die Herren Minister machten mit ihrem Troß auf einem der größeren Fischkutter eine werbewirksame Hafenrundfahrt in Lorient. Moreau war mit an Bord. Während der Veranstaltung beobachtete er, wie ein anderer Passagier, der sich die ganze Zeit betont unauffällig gegeben hatte, plötzlich in den Mantel griff und einen schwarzen Gegenstand hervorholte. Moreau war überzeugt, dies sei eine Waffe und der andere der befürchtete Attentäter, und er verpaßte diesem einen sauberen Blattschuß, noch ehe jemand "Papp" sagen konnte.
Hinterher stellte sich heraus, daß der andere ein Agent der Suretée gewesen war, mit demselben Auftrag an Bord wie Moreau auch. Es war ein peinlicher Regiefehler der Einsatzleitung gewesen, daß man die Beteiligten nicht gegenseitig vorstellte. Der schwarze Gegenstand des anderen erwies sich als Fernrohr. Offensichtlich hatte etwas am Ufer seine Aufmerksamkeit erweckt, und er wollte sich das genauer ansehen.
Für Moreau bedeutete der Vorfall neben einem vorläufigen Karriereknick eine Verhaftung und eine Anklage. Der Untersuchungsrichter und der Staatsanwalt hätten ihm damals zu gerne die Rolle des Terroristen und Mörders angehängt, der nur aus versehen den Falschen erwischte. Als sich dies als unhaltbar erwies, wurde die Anklage auf unberechtigten Schußwaffengebrauch und Körperverletzung mit Todesfolge herabgemildert. Mich wundert übrigens, daß Sie die Geschichte nicht kennen, ging Sie doch seinerzeit durch die Presse ganz Frankreichs"
Berteau machte eine vage Handbewegung, er mochte dem Anderen nicht klarmachen, daß Gewaltkriminalität nicht sein Metier war, und daß ihn politisch motivierte Attentate schon gar nicht interessierten.
Der Anwalt fuhr fort: "Der arme Moreau war derart konsterniert, daß er nicht das Geringste zu seiner Verteidigung unternahm. Auch einen Anwalt wollte er sich nicht nehmen, so daß mir damals die Rolle der Pflichtverteidigung übertragen wurde. Es sah zuerst für uns beide nicht gut aus - ich bin schließlich dafür bekannt, daß ich keine Strafprozesse verliere. Dann hatte ich Glück und trieb einen Zeugen auf, der beschwor, es wären zum fraglichen Zeitpunkt zwei Schüsse abgegeben worden. Der eine von Moreau und der zweite von einem Mann am Pier mit einem schallgedämpften Gewehr.
Nachdem das Geschoß nie gefunden wurde - es war ein glatter Durchschuß, und das Projektil liegt vermutlich für alle Zeiten im Hafenbecken von Lorient, habe ich darauf dann die Verteidigung aufgebaut. Geschossen haben zwei, getroffen wurde einer. Ohne Projektil keine Zuordnung des Schützen zur Tat! Vermutlich war der Schütze am Pier der eigentliche Attentäter und der Securetée-Agent stand ihm nur in der Schußlinie. Für Moreau bedeutete diese Argumentation einen Freispruch zweiter Klasse, nämlich mangels an Beweisen.
Dieser Stachel saß und sitzt wohl heute noch tief bei Moreau. Kaum wieder in Amt und Würden, benutzte er jede freie Minute, um in dieser Sache weiterzuermitteln und den wahren Sachverhalt ans Tageslicht zu zerren. Dabei hat er wohl einigen einflußreichen Leuten ziemlich auf die Zehen getreten. Um endlich Ruhe vor ihm zu haben, wurde er dann dennoch befördert und nach Rennes versetzt. Pompidou, der Präfekt hat ihm sogar untersagt, im Zuständigkeitsbereich seiner Präfektur in jedweder Form ermittlerisch tätig zu werden. Und läßt es sich wegen seines Jobs doch nicht vermeiden, so bekommt er jedesmal von der hiesigen Präfektur einen Aufpasser zur Seite gestellt."
Berteau faltete die Hände und legte sinnend die Fingerspitzen an die Nase: "Sagen Sie, eigentlich müßte Ihnen Moreau wegen des Freispruchs doch dankbar sein. Ich hatte aber eher den Eindruck, daß Ihr wechselseitiges Verhältnis , nun, etwas gestört ist?"
Der Anwalt wischte den Einwand mit einer Handbewegung vom Tisch: " Es gibt im Leben immer wieder Menschen, die sich wechselseitig nicht riechen können. Was hat denn das Berufliche damit zu tun? In meinen Augen ist Moreau eine fürchterliche, krämergleiche Beamtenseele, eigensinnig und stur. Und ich bin in seinen Augen ein verlotterter aristokratischer Gernegroß, den Robespierre gerechterweise sicher unters Schafott gezerrt hätte, wären wir denn zusammengetroffen. Und vermutlich haben wir beide recht!"
Berteau erhob sich: "Ehe ich gehe, eine Frage noch. Ich bin auf meinem Weg hier heraus zu ihnen einem verwegen aussehenden Menschen mit einem unglaublichen Monstrum von Hund begegnet. Ich könnte schwören, daß ich den von früher her kenne und würde mich gerne mit ihm unterhalten. Wissen sie, wie man den erreicht?"
Der Maître hüstelte: " Ah, le Sauvage, der wilde Maler. Wundert mich nicht, daß Sie sich für den interessieren. Schließlich haben Sie sich heute morgen im Fort ganz besonders für seine Bilder interessiert. Ja, die, die offensichtlich nicht zu Ambiente des Rittersaals passen. Ich habe Sie von der Treppe aus beobachtet."
Der Kommissar ließ sich wieder in den Stuhl fallen: "Das waren le Bretons Bilder? Das müssen Sie mir erklären?"
Kergac betrachtete angelegentlich seine Fingernägel: " Mein Gott, Sie verlangen aber auch komplizierte Dinge von mir. Der Wilde weiß vermutlich nicht einmal, daß die Bilder bei uns hängen. Gemalt hat er sie im Auftrag von anderen Leuten, die als Strohmann für uns fungiert haben. Er würde an uns vermutlich nicht einmal Pferdeäpfel verkaufen, viel weniger für uns malen. Das Ganze hängt mit der sozialen Macke meines Bruders zusammen.
Aber der Reihe nach:
Dieser le Breton stammt aus Guehenno, einige Kilometer nördlich von Lorient. Seine Vorfahren waren einst Leibeigene meiner Vorfahren. Nachdem die Leibeigenschaft abgeschafft worden war, hat die Familie sich auf einem Bauernhof in Guehenno bis vor einigen Jahren mehr schlecht als recht durchgeschlagen. Bis irgendwann das Gehöft infolge eines Blitzschlags abbrannte und Kasurintins Ziehvater nicht mehr die Energie hatte, von vorne anzufangen.
Mein Bruder hätte auf Grund einer uralten Regelung das Vorkaufsrecht gehabt, hat damals aber den Alten insofern unter Druck gesetzt, als daß er den Kauf abgelehnt und ihm statt dessen einen Kredit für einen Neuaufbau angeboten hat.
Nun sind diese Le Bretons glühende Sozialisten und argwöhnten, der Comte wolle sie auf diese Art wieder in eine feudale Abhängigkeit bringen. So haben sie dann ihr Anwesen unter Wert und Protest an einen Fabrikanten aus Vannes verkauft, der sich dort eine Wochenendvilla errichtet hat. Kasurintins Bruder hat den Erlös als Anzahlung in einen Fischkutter gesteckt, und die Familie lebt jetzt in Larmor Plage genau so schlecht vom Fischfang, wie vorher von der Landwirtschaft. Es steht zu befürchten, daß der Kutter selbst dann nicht fertig abbezahlt sein wird, wenn der Skipper hundert Jahre alt wird, es sei denn, es greift ihm jemand unter die Arme.
Meinem Bruder ist die Familie gram, weil der sich geweigert hat, den Hof zu einem fairen Preis zu kaufen. Den nun plagt das schlechte Gewissen. Und weil wir wissen, daß Kasurintin seine Überschüsse, so er denn welche hat, seinem alten Herrn zukommen läßt und dieser wieder seinem anderen Sohn, so läßt Yann gelegentlich beim Wilden malen. Da dieser das freiwillig für die Kergacs nicht täte, ist dieser umständliche Weg über die Strohmänner erforderlich."
"Wieso haben sie die Formulierung Ziehvater benutzt?" ,wandte Berteau ein
"Im Grunde genommen ist das eine Unterstellung" , zuckte der Anwalt mit den Schultern, "Fakt ist, daß die Familie jahrhundertelang nichts als ungelenke Bauern hervorgebracht hat. Lediglich Kasurintin entwickelte sich plötzlich als Mann der Musen. Ich erkläre mir das durch den Umstand, daß in Guehenno nach dem Krieg und just im Jahr vor der Geburt unseres Wilden ein Holländer, ein gewisser Jan Keerkrade lebte, der sich einen Namen als genialer Fälscher gemacht hatte und während des Krieges die Deutsche Führung, speziell Göhring, mit seinen Produkten beschissen hat. Na ja, Keerkrade wohnte bei den le Bretons, und das übrige reime ich mir so zusammen."
Er sah aus dem Fenster und winkte den Kommissar heran. "Wenn sie gute Augen haben, können sie da hinten an den Felsen links vom Hotel seinen Hund erkennen, der da durch die Gegend strolcht. Dort sitzt le Sauvage oft stundenlang und wirft Steine ins Wasser. Wenn er dort nicht ist", er zeigte weiter nach rechts, " dort ganz rechts, die letzte Hütte hinter dem alten Bunker, das ist seine Behausung.
Berteau schnaufte. Beide angezeigten Ziele mochten einen Kilometer vom Leuchtturm entfernt sein. "Meine heutigen Unternehmungen drohen allesamt zum Gewaltmarsch zu werden. Nun, ich denke, ich werde mich auf die Socken machen, um herauszufinden, wer Steine weiter werfen kann, le Sauvage oder ich." Er reichte de Kergac die Rechte und ließ gleichzeitig mit der Linken unauffällig die Gitannes-Packung vom Schreibtisch desselben verschwinden. Der Anwalt hatte bestimmt noch mehr davon.
Als er sich nach der Falltür bücken wollte, um sie hochzustemmen, drückte Yves de Kergac auf einen Knopf und die Tür öffnete sich selbsttätig. Berteau warf dem Anderen einen bösen Blick zu und machte sich an den Abstieg.
Er bemühte sich krampfhaft, nicht nach unten zu sehen und war dennoch leicht schwindlig, als er das Ende der Wendeltreppe erreicht hatte. Von der Sonne leicht geblendet, trat er ins Freie.
"Au revoir, Monsieur le Commissaire," tönte die Stimme Kergacs von oben, "und beehren Sie mich gelegentlich einmal wieder"
Berteau sah nach oben. Über der Brüstung der Plattform war das hämisch grinsende Gesicht des Anwalts zu sehen. Einem plötzlichen Impuls folgend, bückte sich der Beamte nach der Bauklammer, die er bei seinem Eintritt hatte achtlos fallen lassen. Er holte drohend aus.
"Nicht schon wieder, Sie Scheusal!", rief der Anwalt mit gespieltem Jammer, "wenn Sie mir versprechen, dieses Folterinstrument zu vernichten, gebe ich Ihnen noch eine Information, die für Ihr Seelenheil wichtig ist."
Der Kommissar hielt mit erhobenem Arm inne und wartete. Der Andere hielt die Hand über die Augen wie ein Pirat im Mastbaum, der den Horizont beobachtete. Dann rief er: " Le Sauvage hat seinen Wurfstand verlassen und entfernt sich mit seinem Köter in Richtung le Pouldu. Wenn Sie ihn also heute noch erreichen wollen, müssen Sie sich sputen."
Berteau legte den Kopf schief und dachte einen Moment nach. Dann drehte er sich wie ein Diskuswerfer und warf die Bauklammer so weit er konnte hinaus in die Brandung. "Na denn eben nicht", knurrte er, "aufgeschoben ist nicht aufgehoben.". Mißmutig machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Wagen.